Vielbunt Wahlprüfsteine zur Kommunalwahl

1.Soziale Sicherheit und Gesundheit: Schutz vulnerabler Gruppen

Zu 1.1: Gezielte Hilfen für LSBTIQ-Jugendliche
Wir nehmen Ihre Forderung nach spezialisierten Ansprechpersonen im Jugendamt und sicheren Unterkünften sehr ernst. Wissenschaftlich lässt sich die Dringlichkeit hier mit dem Minority Stress Model (Ilan Meyer) begründen. Es besagt, dass chronischer Stress durch Stigmatisierung (hier: in der eigenen Familie) zu massiven Gesundheitsrisiken führt. Wenn das Zuhause kein sicherer Ort („Safe Space“) ist, muss die Kommune als schützende Instanz einspringen, um Traumata zu verhindern. Wir prüfen daher priorisiert die Etablierung spezialisierter Notfallstrukturen, um das „Hin- und Herverweisen“ zwischen Institutionen zu beenden. Unser Projektvorschlag: „Safe Haven Darmstadt“ – Krisenintervention für LSBTIQ-Jugendliche


● Ausgangslage: Jugendliche erleben Gewalt/Diskriminierung in der Familie;
bestehende Wohnangebote sind überlastet.

● Wissenschaftlicher Ansatz: Minority Stress Model. Der chronische Stress durch
fehlende Akzeptanz im nahen Umfeld führt zu signifikant höheren
Gesundheitsrisiken. Eine Intervention bricht diese Kausalkette.

● Maßnahmenplan:

  1. Strukturelle Verankerung: Einrichtung einer spezialisierten Ansprechperson
    im Jugendamt („Fachstelle Vielfalt“), um das „Hin- und Herverweisen“ zu
    beenden.
  2. Unterbringung: Akquise von „Notfall-Wohnplätzen“ in Kooperation mit freien
    Trägern (flexibles Krisenkontingent).
  3. Qualifizierung: Pflichtschulung für ASD-Mitarbeitende (Allgemeiner Sozialer
    Dienst) zu queer-spezifischen Gefährdungslagen.

Zu 1.2: Queer-sensible Angebote in der Senior*innenarbeit
Ihr Hinweis auf die Gefahr der Vereinsamung und die Angst vor einem erneuten
„Verstecken“ der Identität im Alter ist berechtigt. Hier greift das Konzept des
Person-Environment Fit (Lawton). Erfolgreiches Altern gelingt nur, wenn die
Umweltkompetenz (hier: Sensibilität der Pflegekräfte) zu den individuellen Bedürfnissen der
Bewohner:innen passt. Ein städtisches Handlungskonzept „Queer im Alter“ mit
Zertifizierungen ist ein hervorragendes Instrument, um diese Passung herzustellen und ein
selbstbestimmtes Leben zu garantieren.


Unser Projektvorschlag: Handlungskonzept „Queer im Alter & Pflege“

● Ausgangslage: Angst vor Diskriminierung führt zum „Rückzug in den Schrank“ und
zur Vereinsamung in Pflegeeinrichtungen.
● Wissenschaftlicher Ansatz: Person-Environment Fit. Das Wohlbefinden hängt
davon ab, wie gut die Umgebung (Pflegeheim, pflegende Personen) zu den
biografischen Bedürfnissen (queere Identität) passt.

● Maßnahmenplan:

  1. Zertifizierung: Einführung eines städtischen Qualitätssiegels „Regenbogen-Kompetenz“ für Pflegeheime.
  2. Schulungsoffensive: Entwicklung eines Curriculums für Pflegekräfte in städtischen und privaten Einrichtungen.
  3. Begegnung: Förderung eines regelmäßigen „Queeren Senior:innen-Treffs“ in städtischen Räumen.

Zu 1.3: Verbesserung der Gesundheitsversorgung (PrEP & Testkapazitäten)
Die wohnortnahe Versorgung ist ein Schlüsselfaktor für die gesundheitliche Chancengleichheit. Es ist stadtpolitisch nicht hinnehmbar, dass Darmstädter:innen für PrEP- oder HIV-Therapien in Nachbarstädte ausweichen müssen. Wir unterstützen die Forderung nach einer Ansiedlung einer Schwerpunktpraxis sowie die Sicherung der niedrigschwelligen Testangebote bei Gesundheitsamt und Aidshilfe, da diese als präventive „Gatekeeper“ fungieren.

Unser Projektvorschlag: „Health Access“ – PrEP und Testung
● Ausgangslage: Versorgungslücken zwingen zum Ausweichen in Nachbarstädte; Testkapazitäten müssen erhalten bleiben.
● Wissenschaftlicher Ansatz: Barrier-Free Healthcare. Physische Distanz (Reise in andere Städte) wirkt als Barriere für Prävention. Lokale Angebote senken die Hemmschwelle.

● Maßnahmenplan:

  1. PrEP-Ansiedlung: Runder Tisch mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen zur gezielten Anwerbung einer Schwerpunktpraxis.
  2. Bestandssicherung: Langfristige Budgetgarantie für die Testangebote des Gesundheitsamtes und der Aidshilfe Darmstadt e.V.
  3. Kampagne: Lokale Informationskampagne zur Entstigmatisierung von HIV/STI-Tests.

2. Bildung und Aufklärung: Prävention und Identität

Zu 2.1: Sensibilisierung in Kitas und Schulen
Ihre Forderung nach Schulungen für pädagogische Fachkräfte wird vollumfänglich
unterstützt. Dies entspricht der Kontakthypothese (Allport): Vorurteile werden am effektivsten
abgebaut, wenn Begegnung und Wissen frühzeitig vermittelt werden. Da Erzieher:innen oft
unsicher in der Kommunikation mit Eltern und Kindern sind, stärkt die Bereitstellung die
professionelle Handlungssicherheit des Personals.


Unser Projektvorschlag: „Vielfalt lernen“ – Sensibilisierung in Kita & Schule

● Ausgangslage: Fachkräfte sind oft unsicher im Umgang mit Regenbogenfamilien
und geschlechtlicher Vielfalt.
● Wissenschaftlicher Ansatz: Kontakthypothese (Intergroup Contact Theory).
Vorurteile werden durch Wissen und positive Interaktion abgebaut. Pädagoginnen
und Pädagogen fungieren hier als Multiplikatoren.

● Maßnahmenplan:

  1. Fortbildungsreihe: Etablierung jährlicher Fachtage für Erzieher:innen und
    Lehrkräfte.
  2. Materialkoffer: Anschaffung und Verleih von „Vielfalts-Koffern“ (Bücher,
    Spiele) an Kitas.
  3. Leitbild: Verankerung von geschlechtlicher Vielfalt in den pädagogischen
    Rahmenkonzepten städtischer Kitas.

Zu 2.2: Aufarbeitung der queeren Stadtgeschichte
Das Sichtbarmachen queerer Geschichte ist ein Akt des kollektiven Gedächtnisses. Identität
braucht historische Wurzeln. Die Unterstützung der Recherchearbeit, etwa durch die HuK,
und Projekte wie Stolpersteine sind essenziell, um vergangenes Unrecht anzuerkennen und
das Geschichtsbewusstsein der Stadtgesellschaft zu schärfen.


Unser Projektvorschlag: „Darmstadt erinnert bunt“ – Queere Stadtgeschichte‘

● Ausgangslage: Queere Geschichte wurde oft unsichtbar gemacht; Aufarbeitung
stärkt Identität.
● Wissenschaftlicher Ansatz: Collective Memory. Ein gemeinsames Gedächtnis, das
auch Minderheiten einschließt, fördert den sozialen Zusammenhalt der gesamten
Stadtgesellschaft.

● Maßnahmenplan:

  1. Forschungsauftrag: Finanzierung eines Rechercheprojekts (ggf.
    Stipendium) unter Einbindung der HuK.
  2. Sichtbarkeit: Konzeption einer Wanderausstellung oder thematische
    Stadtrundgänge.
  3. Publikation: Veröffentlichung der Ergebnisse.

Öffentliche Infrastruktur: Barrierefreiheit für alle

Zu 3.1 & 3.2: Unisex-Toiletten und Barrierefreiheit im Queeren Zentrum
Wir folgen hier dem Prinzip des Universal Design. Öffentliche Räume (Schulen, Sportstätten,
das Queere Zentrum) müssen so gestaltet sein, dass sie ohne Anpassung für alle nutzbar
sind.


● Die binäre Trennung von Sanitäranlagen erzeugt für trans* und inter* Personen
Exklusionsstress. Die Einrichtung von All-Gender-Optionen ist ein Gebot der
baulichen Inklusion.
● Ebenso ist die Barrierefreiheit des Queeren Zentrums (Rollstuhlzugang) eine Frage
der Intersektionalität: Niemand darf aufgrund der Überschneidung von queerem Sein
und körperlicher Beeinträchtigung ausgeschlossen werden.
Unser Projektvorschlag: „Räume für alle“ – Barrierefreiheit & Unisex-Optionen
● Ausgangslage: Binäre Toiletten und fehlende Barrierefreiheit (Queeres Zentrum)
schließen Menschen aus; KJSG-Konformität (Kinder- und Jugendstärkungsgesetz)
bis 2028 nötig.
● Wissenschaftlicher Ansatz: Universal Design. Gestaltung der Umwelt so, dass sie
von allen Menschen ohne Anpassung genutzt werden kann.

● Maßnahmenplan:

  1. Bauleitplanung: Standardmäßige Einrichtung von „All-Gender-Toiletten“ bei
    allen städtischen Neubauten/Sanierungen (Schulen, Sporthallen).
  2. Sanierung Queeres Zentrum: Bereitstellung von Investitionsmitteln für eine
    barrierefreie Nutzung zur Erfüllung des KJSG bis 2028.

Kommunales Handeln: Strukturelle Verankerung

Zu 4.1: Stärkung der Koordinationsstelle & Sprache
Die Weiterentwicklung der Koordinationsstelle LSBT*IQ ist notwendig, um Diversity
Mainstreaming in der Verwaltung zu verankern. Verwaltungshandeln und Sprache schaffen
Realität; diskriminierungsfreie Formulare und Prozesse sind daher kein „Nice-to-have“,
sondern eine demokratische Pflicht. Die Aufnahme in Netzwerke wie „Rainbow Cities“ erhöht
zudem die Verbindlichkeit dieser Bemühungen.


Zu 4.2: Netzwerk gegen Gewalt
Die aktive Teilnahme am „Netzwerk gegen Gewalt“ und Programme wie
„Gewalt-Sehen-Helfen“ sind imperativ. Aus kriminologischer Sicht ist situative Prävention
durch vernetzte Akteure der wirksamste Schutz vor Hasskriminalität. Darmstadt muss hier
seiner Schutzverantwortung nachkommen.


Unser Projektvorschlag: „Darmstadt handelt“ – Vernetzung und Sprache

● Ausgangslage: Notwendigkeit diskriminierungsfreier Verwaltungssprache und
Schutz vor Gewalt.
● Wissenschaftlicher Ansatz: Situative Kriminalprävention. Einbindung in Netzwerke
erhöht die Reaktionsgeschwindigkeit und Sensibilität von Behörden.

● Maßnahmenplan:

  1. Netzwerke: Beitritt zum „Rainbow Cities Network“ und aktive Mitarbeit im
    „Netzwerk gegen Gewalt“ (Programm „Gewalt-Sehen-Helfen“).
  2. Sprachleitfaden: Überarbeitung aller städtischen Formulare auf
    geschlechtsneutrale Sprache und Inklusion der Option „divers“/offen.
  3. Schutzkonzepte: Explizite Nennung von TIN*-Personen in städtischen
    Sicherheitskonzepten.

Förderung queerer Strukturen: Ressourcen sichern

Zu 5.1: Personelle Ausstattung im Jugendzentrum
Die Forderung nach einer dritten Stelle ist fachlich gut begründet. Das klassische binäre
Betreuungsmodell (männlich/weiblich) bildet die Realität der Jugendlichen im Queeren
Zentrum nicht ab. Um dem Diversitätsansatz und den steigenden pädagogischen
Anforderungen gerecht zu werden – sowie die gesetzlichen Vorgaben ab 2028 zu erfüllen –
ist eine Anpassung des Personalschlüssels folgerichtig.


Zu 5.2: Förderung des CSD
Der CSD ist ein „Dritter Ort“ (Oldenburg) – ein Raum der Gemeinschaftsbildung, der weit
über eine „Party“ hinausgeht. Dass ehrenamtliches Engagement durch hohe Gebühren
behindert wird, während andere Städte fördern, stellt ein Ungleichgewicht dar. Wir sehen
den CSD als unverzichtbaren Faktor für die Sichtbarkeit und Akzeptanz und werden uns für
eine Anpassung der Förderrichtlinien einsetzen.


Unser Projektvorschlag: „Struktursicherung Queer Community“

● Ausgangslage: Steigende Bedarfe im Jugendzentrum (3. Stelle nötig) und
finanzielle Belastung des CSD.
● Wissenschaftlicher Ansatz: Ressourcenmobilisierungstheorie. Soziale
Bewegungen benötigen professionelle Strukturen (Personal, Budget), um ihre
gesellschaftliche Funktion (Integration, Aufklärung) dauerhaft zu erfüllen.

● Maßnahmenplan:

  1. Stellenplan: Schaffung einer 3. Teilzeitstelle (an TVöD angelehnt) für das
    Queere Jugendzentrum zur Erfüllung des Personalschlüssels nach KJSG ab
    2028.
  2. Kulturförderung: Festlegung einer jährlichen institutionellen Förderung für
    den CSD und Erlass der Sondernutzungsgebühren.